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Zwischen Himmel und Hölle
Him im 1LIVE-Interview

Von Marcel Anders

So erfolgreich das fünfte Album "Dark Light" auch war – 2006 war ein rabenschwarzes Jahr für Him-Frontmann Ville Hermanni Valo. Der baumlange Finne trennte sich von seiner Verlobten, verlor mehrere Freunde, verbrachte eine Nacht im Gefängnis und musste eine US-Tour wegen Erschöpfung absagen. Jetzt meldet sich der 30-Jährige mit seinem neuen, sechsten Werk "Venus Doom" zurück – und tauscht den schwelgerischen Düster-Pop der Vergangenheit gegen ein richtig hartes Brett zwischen Metal und Prog-Rock.



Ville: Oh cool! Genau das war die Idee. Denn Liebe und Schmerz, die Themen, auf die wir uns spezialisieren, sind ja mitunter auch ziemlich heftig. Und irgendwie haben wir dieses Spektrum weitestgehend ausgelotet. Nimm nur "Dark Light", das letzte Album. Das bestand aus ganz vielen Schichten. Es war also nicht wirklich direkt und erinnerte auf seine Art sehr an U2. Was okay war. Aber du kannst eben nicht immer das Gleiche machen, du musst auch mal was Anderes probieren. Genau wie du unterschiedliche Buntstifte benutzt, um unterschiedliche Bilder zu malen. Und diesmal wollten wir einfach ein Album, das seinem Hörer kräftig in den Hintern tritt. Das war die Idee. Außerdem hatte ich die Nase voll von Keyboards.

1LIVE: Demnach ist das Album eine direkte Reaktion auf den Vorgänger?

Ville: Ja, aber das gilt eigentlich für jede Platte. Und wir haben mittlerweile schon etliche gemacht. Insofern kann ich nur hoffen, dass dies eine positive Überraschung ist. Ich glaube jedenfalls voll daran. Und ich bin sehr glücklich damit. Dasselbe gilt für die Band. Stell dir vor: Wie haben diesmal sogar ein echtes Schlagzeug-Solo am Start – und ein Bass-Solo. Und das ist so naiv und so uncool, dass es letztlich schon wieder verdammt cool ist.

1LIVE: Einschließlich lupenreiner Doom- und Prog-Rock-Anleihen?

Ville: (stolz ) Eine tolle Sache. Ich meine, Prog-Rock ist gut für dich. Und ich war schon immer ein großer Fan von Yes, Jethro Tull und diesem ganzen Kram. Das Lustige an diesem Album ist, dass wir uns zum ersten Mal an keinerlei Vorgaben gehalten haben. Wir haben wirklich in unserem Proberaum in Helsinki gestanden, uns halb schlapp gelacht, und gefragt: "Warum eigentlich nicht?" Das ist immer die beste Frage. Denn klar liebe ich Popsongs, und wir haben über die Jahre etliche davon gemacht. Aber jetzt war es einfach Zeit, da auszubrechen und sich von der Formel zu trennen.
Immer mehr Hunger

Wie hört sich eine weibliche Ejakulation an?

1LIVE: Was viele deiner jüngeren, weiblichen Fans vor ein echtes Problem stellen dürfte. Ein kalkuliertes Risiko?

Ville: Stimmt. Dieses Album ist eher für Erwachsene – für zivilisierte ältere Menschen. (lacht ) Aber im Ernst: Es wäre doch langweilig, immer nur das zu wiederholen, was mal erfolgreich war. Und diese Platte fühlt sich toll an, weil sie so aggressiv und dreckig ist. Das ist die Idee dahinter. Weißt du, ich bin ein großer Fan von My Bloody Valentine. Und ich liebe ihr Album "Loveless". Eben diese massiven Gitarren, die aber immer noch Platz für Sentimentalität lassen. Ein großartiges Album, das meine Tage heller und glücklicher gemacht hat – und meine Depressionen schwerer. (lacht ) Das war die Idee, die wir diesmal verfolgt haben. Und es ist das erste Rock-Album, auf dem du eine weibliche Ejakulation hörst.

1LIVE: In welchem Stück?

Ville: Du musst die Platte kaufen, um es herauszufinden. Aber es ist sehr genau zu hören. Wenn du es also finden willst, gelingt dir das auch. Leider ist es keine Live-Aufnahme. Einfach, weil finnische Mädchen aus irgendeinem Grund nicht ejakulieren. (lacht ) Wir mussten uns bei einem amerikanischen Porno bedienen. Übrigens kein besonders guter.

1LIVE: Darf man fragen, wie das Label dazu steht. Schließlich ist euch mit "Dark Light" gerade erst der Durchbruch in den USA gelungen…

Ville: Die stehen voll hinter uns. Weißt du, das letzte Album war ja das erste, das wir für Warner gemacht haben. Und da hatten wir eigentlich gar nichts erwartet. Wir waren einfach nur froh, dass wir endlich weltweit veröffentlichen konnten. Und ich bin ziemlich aufgeregt und nervös, was diesmal passiert. Denn ich bin gerne in Amerika. Es ist toll, in Städten wie San Antonio zu sein, neue Orte zu erleben und neues Essen zu genießen. Oder auch zum ersten Mal nach Japan oder Australien zu fliegen, solche Sachen. Und das alles wegen der Plattenfirma.

1LIVE: Was ist das für ein Gefühl, als erster finnischer Act eine goldene Schallplatte in Amerika einzuspielen?

Ville: Ich bin sehr stolz darauf, der erste Finne zu sein, der 500.000 CDs in den Staaten verkauft. Das ist eine historische Sache. Und sie gibt mir die nötige Freiheit, um tun und lassen zu können, was immer ich will. Einfach, weil ich weiß, dass es da draußen ein Publikum gibt, das hinter mir steht. Und ich hoffe, das ist erst ein Vorgeschmack auf mehr. Du weißt ja: Je mehr du isst desto hungriger wirst du. Genauso ist es bei uns. (lacht)
Leben in Askese

Ab ins Kl?oster

1LIVE: Und wie bist du auf den Titel "Venus Doom" gekommen – beziehungsweise wofür steht er?

Ville: Nun, er hat nichts mit dieser Planeten-Geschichte zu tun. Ich habe eher an die Göttin der Liebe gedacht. Und er folgt der Tradition, die wir ja in allen Plattentiteln haben – eben diesem Jing und Jang, Schwarz und Weiß, was auch immer. Das Spiel der Gegensätze. Dabei war es wirklich so, dass ich eines Morgens aufgewacht bin und den Titel im Kopf hatte, nämlich "Venus Doom". Für mich steht er für eine Kombination aus der Gottheit der Zerstörung und der Wiedergeburt.

1LIVE: Zwei gegensätzliche Begriffe, die sich wunderbar ergänzen?

Ville: Unglücklicher Weise. Was schon ziemlich verrückt ist. Aber genau das ist es, was Liebe und Beziehungen für mich sind: Du musst dich selbst zerstören und dann wieder neu zusammensetzen, um überhaupt in der Lage zu sein, zu lieben.

1LIVE: Also reine Selbsttherapie – wie die gesamten Texte, in denen du die Erlebnisse eines rabenschwarzen Jahres verarbeitest?

Ville: Normalerweise sollte so etwas eine kathartische, reinigende Funktion haben. Aber bei mir klappt das nicht. Es schmerzt immer noch – und einige Songs kann ich mir kaum anhören. Da muss ich fast weinen. Einfach, weil sie so ehrlich sind. Dabei weiß ich von anderen Musikern, dass das durchaus funktioniert – nur eben nicht bei mir. Da schließt das eine das andere aus.

1LIVE: Da gibt es zum Beispiel einen Song über einen verstorbenen Freund…

Ville: Ja, "Kiss Of Dawn" handelt von meinem alten Kumpel Thurston, der sich umgebracht hat. Deswegen habe ich ein Stück darüber geschrieben, dass das Leben immer weitergeht – selbst wenn es manchmal absolut unerträglich ist. Aber du hast natürlich Recht: Es war wirklich eine harte Zeit. Und ich habe verdammt viel Mist erlebt. Aber das war nicht das erste Mal, und es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein.

1LIVE: Dazu gehört auch die aufgelöste Verlobung mit MTV-Moderatorin Jonna Nygren…

Ville: Scheiße, ja, den Ring habe ich immer noch. (deutet auf seinen linken Ringfinger). Das ist das Problem bei Tätowierungen: Man wird sie schwer wieder los. Ich habe mir schon überlegt, ob ich da etwas Neues draus mache. Aber zum Glück kann "J" ja auch für Jesus stehen. Und das wäre ein Ausweg aus der eigenen Verrücktheit: Du könntest dich der Religion zuwenden. Wer weiß, vielleicht mache ich das sogar – ich gehe ins Kloster und lebe in völliger Askese. (lacht)
Kein Weltuntergangsszenario

Kein Sport für Musiker!

1LIVE: Woran ist das Ganze letztlich gescheitert? Sind Rock'n'Roll und feste Beziehungen zwei Dinge, die einander ausschließen?

Ville: Oh nein. Ich meine es ist schon tough, aber natürlich kann das funktionieren. Das ist keineswegs unmöglich – du musst nur den richtigen Partner haben. Und den suche ich noch. Obwohl ich langsam das Gefühl habe, dass ich im Grunde nicht für eine längere Beziehung geschaffen bin – und deshalb hält es bei mir auch nie. Aber du darfst nicht vergessen: Wenn dir jemand wirklich etwas bedeutet, ist es egal, wo du gerade bist. Wenn du die Augen schließt und ins Bett gehst, dann denkst du an die Person, die du liebst. Und bei uns war das einfach nicht da. Wir waren uns nicht so nah, wie ich zuerst gedacht habe. Deshalb habe ich das Ganze beendet, ehe es zu spät ist.

1LIVE: Womit du die selbe Thematik behandelst, wie Marilyn Manson auf "Eat Me, Drink Me"…

Ville: Ist die Platte wenigstens gut? Ich habe sie noch nicht gehört. Aber viele meinen, sie wäre Mist.

1LIVE: Ich finde, es ist sein stärkstes seit "Mechanical Animals".

Ville: Oh, das ist mein Lieblingsalbum. Es ist also wieder melodischer?

1LIVE: Ja, aber mit jeder Menge Gitarrensoli und viel Morbidität.

Ville: Also kopiert er auch nur Black Sabbath und Metallica. Genau wie jeder Andere in diesem Universum. Aber ich mag ihn. Er hat eine große Persönlichkeit. Und er ist ein sehr interessanter Charakter – was aber nichts mit seiner Musik zu tun hat. Da wir gerade dabei sind: Was ist mit der neuen Nine Inch Nails?

1LIVE: Ein Konzeptalbum über den drohenden Weltuntergang.

Ville: Klingt, als sollte er wieder mehr Drogen nehmen. Das wäre das Beste, was er tun könnte.

1LIVE: Ich glaube, er ist eher auf dem Fitness- und Gesundheitstrip…

Ville: (lacht ) Au Backe! Als Musiker ist Sport immer schlecht für dich. Und Mann, war der früher fertig. Das darfst du nicht vergessen. Ich meine, er ist sehr intelligent und ein genialer Musiker. Aber ich glaube, seine Stärke liegt eher im Produzieren, nicht so sehr im Songwriting. Und ich brauche auch kein Weltuntergansszenario. Wenn ich Musik höre, will ich weg vom Chaos, aber ich will nicht noch mehr davon.
Zerdepperte Blumentöpfe

Turmbewohner Ville

1LIVE: Stimmt es, dass du gerne Vater sein würdest?

Ville: Oh ja, unbedingt. Und ich wäre definitiv ein guter Vater. Schließlich sammle ich Spielzeug. Und ich liebe Cartoons. Ich wäre bestimmt ein cooler Dad. Ich will eine richtig große Familie.

1LIVE: Aber dafür müsstest du erst einmal kürzer treten, oder?

Ville: Nicht unbedingt. Um ehrlich zu sein, habe ich mich darüber schon mit Musikern unterhalten, die das hinkriegen. Etwa die Jungs von Mastodon, die unglaublich nett sind. Wir haben mal in New York abgehangen, und sie haben erzählt, dass sie fast 250 Tage im Jahr touren, und zwar auf der ganzen Welt. Trotzdem haben sie eine Familie zu Hause. Es ist also nicht unmöglich. Du musst nur den richtigen Partner finden – eine Mutter, die superstark ist und ein Kind, das dich liebt und schätzt, auch wenn du kaum da bist. Bei mir Zuhause war das ja genauso. Mein Vater war Taxifahrer, und nie da. Er hat ständig Nachtschichten abgerissen, deshalb habe ich ihn kaum zu Gesicht bekommen. Und insofern denke ich, dass solche Beziehungen nicht unmöglich sind – du musst nur daran glauben.

1LIVE: Außerdem hattest du ziemlich heftigen Krach mit deinen Nachbarn…

Ville: Als ich noch in diesem Acht-Parteien-Haus gewohnt habe, hatte ich ständig Ärger mit meinen Nachbarn, weil ich um zwei Uhr morgens Gitarre gespielt habe. Da wäre ich an ihrer Stelle auch stinkig. Aber hey: Was soll ich machen? Das ist schließlich mein Beruf.

1LIVE: Den du so ernst nimmst, dass du dafür sogar eine Nacht im Knast verbracht hast – weil du dich lautstark gefetzt und anschließend Widerstand gegen die Polizei geleistet hast?

Ville: Das war einfach nur dumm und wäre nicht passiert, wenn ich ein bisschen ruhiger und ausgeglichener gewesen wäre. Aber 2006 war wirklich kein gutes Jahr. Das hat mir ziemlich zugesetzt. Na ja, und bei diesem einen Streit bin ich halt ein bisschen ausgeflippt. Dabei ist eigentlich nichts passiert – außer einer beschädigten Haustür und ein paar zerdepperten Blumentöpfen…

1LIVE: Jetzt wohnst du in einem alten Turm im Stadtteil Munkkiniemi?

Ville: Richtig. Das ist wahrscheinlich der einzige Turm in ganz Helsinki – und ich wusste lange Zeit nicht mal, dass er existiert. Er wurde 1842 gebaut. Und ich mag die Tatsache, dass es vier Stockwerke und ein Keller mit Sauna sind. Jede Etage ist ein Raum. Und das Ganze hat was von einem Museum. Ich finde es da wirklich nett. Es ist das erste Mal, dass ich mich richtig zuhause fühle. Ich liebe den Turm. Und ich kann da endlich machen, was ich will.

1LIVE: Wie steht du zu Sunrise Avenue, die gerade sehr erfolgreich in Deutschland sind?

Ville: Ich hasse sie. Die sind doch völlig belanglos. Sie haben so überhaupt nichts Echtes. Kann sein, dass ich mich da irre. Und scheinbar machen sie ja eine Menge Leute glücklich. Aber meinetwegen können sie sich ins Knie ficken. Ich liebe Musik, die mich auch mal zum Weinen bringt, aber eben aus den richtigen Gründen. Bei Sunrise Avenue weine ich eher aus Mitleid… (lacht )
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IMPRESSUM
Him: "Venus Doom" im 1LIVE Plattencheck
Band-Homepage
Stand: 14.09.2007
1LIVE: Ville, "Venus Doom" ist ein deutlicher Richtungswechsel hin zu härteren, heftigeren Tönen. Wie kommt's ?
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